Dirk Naumann
Mönche, Witwen, Pioniere
Im Osten von Frankreich, zwischen Reims und Épernay, liegt die nördlichste Weinregion des Landes, die Champagne. Von hier stammt der Champagner, der Stoff aus dem Legenden gemacht werden. Nur Schaumwein, der von hier stammt, darf die Bezeichnung Champagner tragen. Rund 34.000 Hektar, etwa so viel wie Rheinhessen und Franken zusammen, umfasst die Region. Wie ein konzentrierter Kosmos, mit tausenden Winzern und hunderten Champagner-Häusern.
Was aber macht diesen Schaumwein so einzigartig? Tradition? Geschichte? Namen wie Titel alter Romane? Champagner ist Handarbeit. Jede Traube wird von Hand gelesen; die Méthode Champenoise – die zweite Gärung in der Flasche, eine Lagerzeit von mindestens 15 Monaten – viele Champagner liegen deutlich länger in den kühlen Kreidekellern; begrenzte Fläche, Geduld, Lagerzeit, Sorgfalt. All das hat seinen Preis.
In dem kleinen Dorf Hautvillers wirkte Dom Pierre Pérignon, Benediktinermönch und seinerzeit Kellermeister. In der Abteikirche liegt er begraben. Die Legende erzählt, er habe bei der ersten Verkostung seiner perlenden Kreation gerufen:
„Kommt schnell, Brüder, ich trinke Sterne.“
Ein vermeintlicher Fehler – die unerwartete zweite Gärung – wurde zum Triumph. Manchmal liegt das Besondere genau in der Unvollkommenheit.
Doch Champagner ist nicht nur das Werk eines Mönchs. Viele weitere bemerkenswerte Persönlichkeiten, haben diese Region und den Champagner geprägt. Nachfolgend seien fünf Häuser genannt, die diesen Schaumwein zu dem gemacht haben, was er heute ist. Beginnend mit dem ältesten Haus der Region, gefolgt von Mönchen, Witwen, Pionieren und Feldherren.
Ruinart – Das älteste Champagnerhaus
Gegründet 1729 in Reims, gilt Ruinart als das älteste Champagnerhaus überhaupt. Es ist älter als vieles, was wir heute für selbstverständlich halten. Diese lange Tradition prägt den Stil: nobel, kultiviert, nie laut. Ruinart wirkt oft wie der Inbegriff französischer Zurückhaltung. Er passt nicht zum lauten Anstoßen. Er gehört in Räume mit hohen Decken, an lange Tafeln mit guten Gesprächen – ein Stück Kulturgeschichte in einem Glas.
Dom Pérignon – Benediktinermönch, Legende, Entdecker
Dieses Haus verdankt seinen Namen dem Benediktinermönch Dom Pierre Pérignon (1638–1715), der als legendärer Entdecker der Champagnerkunst gilt. Die „Méthode champenoise“, die in der Champagne verwendete Methode der Flaschengärung und der Agraffe, dem Drahtgestell über dem Korken, soll auf ihn zurückgehen. Vintage-only. Jede Flasche Dom Pérignon ist ein Vintage-Champagner und wird nur in Jahren abgefüllt, in denen die Ernte außergewöhnlich gut ist. Er reift mindestens acht Jahre auf der Hefe, bevor sie in den Verkauf kommt. Was ein Jahr hergibt, entscheidet, ob es ihn überhaupt gibt.
Champagne Pommery – Revolution im Glas
Jeanne-Alexandrine Pommery, übernimmt nach dem Tod ihres Mannes die Maison. Das war 1858. Im Jahre 1874 wurde sie zur Pionierin einer ganzen Branche. In einer Zeit, in der Champagner fast ausschließlich süß getrunken wurde, wagte sie einen radikalen Schritt: weniger Dosage, weniger Zucker, mehr Finesse, mehr Eleganz. Der erste Brut-Champagner war geboren. Eine Revolution. Und eine Zeitenwende. Was damals kühn war, ist heute Standard – rund neunzig Prozent aller Champagner sind brut oder trockener.
Veuve Cliquot – Die berühmte Witwe
Gegründet 1772 in Reims, ist diese Maison inzwischen über 250 Jahre alt. Dieses Haus wurde erst wirklich groß durch eine Frau, die nicht vorhatte, Legende zu werden. Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin war erst 27 Jahre alt, als ihr Mann starb. Statt sich zurückzuziehen, übernahm sie das Champagnerhaus. Eine Witwe, in einer Zeit, in der Frauen selten Unternehmen führten. Ein mutiger Schritt. Man sagt, auf sie gehe der Roséchampagner zurück. Genauso wie das Rüttelpult – jene hölzerne Konstruktion, mit der die Flaschen systematisch gedreht werden, bis der Champagner klar ist. Seit 1878 ziert das berühmte „Yellow Label“ die Flaschen des Hauses.
Moët & Chandon – Ludwig XV, Feldherren, Legenden
Moët & Chandon wurde 1743 in Epernay gegründet. Schon Ludwig XV. soll ihn gerne getrunken haben. Und Napoleon.
„Nach dem Sieg verdient man ihn. Nach der Niederlage braucht man ihn.“
soll er gesagt haben. Ein Enkel des Gründers, Jean-Rémy Moët und der junge Bonaparte wurden Freunde. Später, auf Feldzügen quer durch Europa, führte Napoleon immer einen Vorrat Moët mit sich und trug so zur europaweiten Bekanntheit bei. Angeblich hätten seine Offiziere mit dem Säbel die Flaschen geöffnet, um nach einer Schlacht den Sieg zu feiern. Die Geburtsstunde des Sabrierens. Brut Impérial trägt nicht zufällig diesen Namen.
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Dirk Naumann, geboren und aufgewachsen in Torgau / Sachsen, lebt nach Stationen in Düsseldorf und Monaco heute in München. 2020, während der Pandemie, brach er auf, zu einer mehr als 3.600 Kilometerlangen Pilgerreise durch vier Länder Westeuropas. Zu Fuß, ohne Vorbereitung und Erfahrung. Aus den Notizen dieser Reise entstand ein persönliches Buch, dass gleichzeitig seine Premiere als Autor darstellt.





