Dirk Naumann
Champagner in der Champagne
Nachdem die Stadt Paris als neues Ziel feststand, führte der Weg durch den großen Osten Frankreichs und hinein in die Champagne. Jenes berühmte Anbaugebiet, aus dessen Trauben der Champagner entsteht. Nur Schaumweine, die aus dieser geschützten Region stammen, dürfen die Bezeichnung „Champagner“ tragen. Schaumweine im allgemeinen und Champagner im Besonderen, stehen für mich für Leichtigkeit, Genuss und einen Hauch Savoire-vivre. Für kultivierte Lebensfreude und das feine Gespür, den Moment zu feiern.
So folgte ich der Einladung von Falk und Jade, ein gemeinsames Wochenende dort zu verbringen. Wie hätte ich dieser Verlockung widerstehen sollen? Natürlich sagte ich zu. Weil ich offen für einen Neuanfang war und ohne zeitliche oder örtliche Begrenzung unterwegs war, begegnete ich jeder Region, jedem Ort und jedem Menschen auf dem Weg, so auch dieser wunderbaren Region, mit völliger Offenheit und einem „warum nicht?“. Es hätte sein können, dass es mich ein Ort festhält, dass es mir in einem Ort so gut gefällt, dass ich bleibe. So wie die Schlossherrin in Gröditz in Deutschland ihr Schloss fand. Reims oder Epernay hätten beide das Zeug dazu gehabt. Dieses besondere Gefühl und diese leise Möglichkeit, irgendwo neu zu beginnen zog sich durch die gesamte Reise. Nicht aus Flucht, sondern aus Freiheit.
Unsere Unterkunft war eine Villa und Art-Nouveau-Schönheit voller Seele, in dem kleinen Örtchen Aÿ, an der Marne gelegen. Dreißig Kilometer südlich von Reims, nur einen Steinwurf entfernt von Epernay. Eben noch große Hitze, Staub, schlichte Herbergen – nun Laisser-faire und Savoir-vivre genussvoll vereint. Madame Vollereaux, die Hausherrin, wirkte wie eine Dame aus einer anderen Zeit: voller Grandesse, ohne Anstrengung, stillvoll, elegant, dabei ganz selbstverständlich. Am Morgen, der Tag war noch leise, saß ich im lichtdurchfluteten Wintergarten. Vor mir Bücher voller Geschichten über Schaumweine aus der Champagne, Glaskunst und französische Lebensart. Elegante Kronleuchter an der Decke, edles Silberbesteck auf fein bestickten Tischdecken und Servietten aus dickem Jacquard-Stoff. Alles trug die Handschrift von Liebe zum Detail, Stil und zum Schönen. Ein Lebenstraum, den sich hier jemand erfüllt. Und ich mittendrin, für einen Moment Teil von dieser Welt.
Draußen die weiten Weinberge der Montagne de Reims. Sanfte Hügel, kleine gewundene Straßen, schöne Dörfer – die Champagne ist eine gesegnete Region. Die Weinkeller und berühmte Wein- und Champagnerhäuser, deren Namen mit goldenen Lettern stolz über den Eingängen prangen, gehören alle zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ebenso die Städte Reims und Epernay. In Reims wurden fast alle französischen Könige gekrönt. Seit dem Mittelalter kreuzen sich hier die Pilgerwege nach Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. Unter der der Avenue de Champagne, in Epernay, auch die teuerste Straße der Welt genannt, ziehen sich mehr als hundert Kilometer Wein- und Champagnerkeller.
In der Stadt Reims traf ich den ersten Pilger auf französischem Boden. Einen Briten, mittleren Alters, geschmückt mit vielen Ketten um den Hals und einer kleinen Gitarre am Rucksack. Einige Wochen zuvor war er in Canterbury gestartet, mit dem Ziel Rom. Nach einem herzlichen und gestenreichen Gespräch ging jeder seine Wege. Hier hoffte ich noch, dass es noch vieler solcher Begegnungen mit Pilgern geben würde.
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Dirk Naumann, geboren und aufgewachsen in Torgau / Sachsen, lebt nach Stationen in Düsseldorf und Monaco heute in München. 2020, während der Pandemie, brach er auf, zu einer mehr als 3.600 Kilometerlangen Pilgerreise durch vier Länder Westeuropas. Zu Fuß, ohne Vorbereitung und Erfahrung. Aus den Notizen dieser Reise entstand ein persönliches Buch, dass gleichzeitig seine Premiere als Autor darstellt.



















