Dirk Naumann
Lourdes: Stadt der Wunder
Nachdem ich in Bordeaux die Entscheidung traf, den Weg fortzusetzen, stellte der Wallfahrtsort Lourdes für eine Weile das finale Ziel der Reise dar. Und auch wenn ich den Kilometerstein in Moustey, mit der Entfernungsangabe nach Santiago de Compostela, als Zeichen interpretierte, so war es mir wichtig, Lourdes zu sehen.
Lourdes ist nach Rom die zweitgrößte Pilgerstätte und Wallfahrtsort der christlichen Welt und nach Paris der Ort mit den meisten Übernachtungen in Frankreich. Im Jahr 2020 jedoch war auch hier alles anders. Mehr als 90 % aller Pilgerreisen wurden abgesagt. Im Frühjahr 2020 war das Heiligtum, genauso wie alle anderen religiösen Stätten, während des ersten Corona-Lockdowns und erstmals in seiner Geschichte überhaupt, gleich für mehrere Monate geschlossen.
Von Tag zu Tag stieg die Gefahr eines erneuten Corona-Lockdowns in Frankreich und Spanien. Jetzt hieß es, keine Zeit mehr zu verlieren, wenn ich es noch bis nach Santiago de Compostela schaffen wollte. So entschied ich mich, mit dem Zug von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Lourdes und wieder zurückzufahren und von dort zu Fuß nach Santiago de Compostela aufzubrechen.
1858 soll dem jungen Mädchen Bernadette Soubirous in einer Grotte die Jungfrau Maria erschienen sein. Die Jungfrau Maria ließ zudem eine Quelle aus dem Boden sprudeln, deren Wasser bis heute sprudelt. Dem Wasser dieser Quelle, wird heilende Wirkung nachgesagt. Jedes Jahr besuchen mehrere Millionen Menschen Lourdes, viele von ihnen erhoffen sich dort die Heilung von Leiden und Krankheiten. Manche baden in extra angelegten Bädern in diesem Wasser, andere trinken aus dem Brunnen. Bis heute sind mehrere tausend Heilungen bekannt, darunter mehr als 70 als Wunder anerkannt. Am Fuß der Stadt liegt der weitläufige Wallfahrtsbezirk, auch Heiliger Bezirk genannt.
Als ich die Stadt erreichte, fühlte sie sich leer und einsam an. Ein Hotel zu finden, das geöffnet hatte, war möglich, jedoch war die Auswahl sehr beschränkt. Noch schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Lokal am Abend. Der Herbergsbetreiber unterstützte mich bei der Suche. Gemeinsam liefen wir, im kühlen und verregneten Lourdes, verschiedene Straßen und Restaurants ab, um irgendwann fündig zu werden.
In Lourdes dankte ich für den bisherigen Weg, entzündete Kerzen für Familie, Freunde und jene besonderen Menschen, die mir unterwegs begegnet waren und mir geholfen hatten. Ich besuchte die Erscheinungsgrotte, wo auf dem Boden die typischen Abstands-Kreise zu sehen waren – Zeugen jener COVID-Zeit, die mir auch noch im weiteren Verlauf oft begegneten.
Am Abend schloss ich mich der Fackelprozession an. Nur eine kleine Gruppe Pilger und Gläubige war an diesem Abend still versammelt, mit Kerzen in den Händen. Gemeinsam folgten wir der Marienstatue von Notre-Dame de Lourdes, die vorangetragen wurde. Gesänge und leise Gebete vermischten sich in der Dunkelheit. Auf meiner Reise ließ ich Gedanken an Gott und das Gebet zunehmend zu. Die Teilnahme an der Prozession fühlte sich daher nicht fremd, sondern beinahe selbstverständlich an – als wäre sie ein Schritt auf meinem eigenen inneren Weg.
Schuhtausch Nummer zwei
Der zweite Grund für die Wahl den Zug zu nehmen war, dass das Profil meiner Schuhe, welche mir mehr als 2.000 Kilometer, vom Augustinerkloster in Gotha bis in die Pyrenäen, treuste Dienste erwiesen hatten, vollständig abgelaufen war. Seit Tagen regnete es. Ohne Profil, bei diesen Wetterverhältnissen, die Pyrenäen zu überqueren – wäre keine so gute Idee gewesen. Unabhängig davon, würden etwa 800 Kilometer durch Spanien vor mir liegen. Ein weiterer Schuhtausch wäre auf alle Fälle notwendig geworden. Die Tage, bevor ich Saint Jean Pied de Port erreichen sollte, waren daher Organisation, Timing und etwas Glück gefragt, die „neuen-alten Schuhe“ pünktlich an eine Herberge zu senden.
Rückblick: In Gotha hatte ich meine Wanderschuhe getauscht, da das Material für den Sommer nicht die beste Wahl war. Jetzt, da es regnerischer und deutlich kühler wurde, wären die vorher getauschten perfekt.
Ab Oloron-Sainte Marie, in der Mitte zwischen Lourdes und Saint-Jean-Pied-de-Port hätte die Möglichkeit bestanden, über den Somport-Pass nach Spanien zu gelangen. Der Somport-Pass verläuft über die Pyrenäen nach Jaca in Spanien und stößt bei Puente la Reina auf den Camino Frances.

Dirk Naumann, geboren und aufgewachsen in Torgau / Sachsen, lebt nach Stationen in Düsseldorf und Monaco heute in München. 2020, während der Pandemie, brach er auf, zu einer mehr als 3.600 Kilometerlangen Pilgerreise durch vier Länder Westeuropas. Zu Fuß, ohne Vorbereitung und Erfahrung. Aus den Notizen dieser Reise entstand ein persönliches Buch, dass gleichzeitig seine Premiere als Autor darstellt.
Seite teilen
Mein Buch: Freigelaufen
weitere beiträge
Land voller Genüsse
Informationen & Vorteile Führungen durch die Zitadelle Blaye [...]
Flasche, Säbel, Spektakel
Informationen & Vorteile Informationen zum Sabrieren 1 Dirk Naumann Flasche, Säbel, Spektakel [...]
Champagner in der Champagne
Informationen & Vorteile Führungen durch die Champagne Dirk Naumann [...]